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Irgendwo
zwischen den Hügeln und Wäldern Ostlands, eigentlich weiß
keiner so genau wo, liegt eine kleine Siedlung Muromez. Ein
kleines Dorf, so wie viele in Ostland. Dreißig, vielleicht
vierzig Menschen bewohnen es. Es sind arme aber fröhliche
Menschen. Sie sind einfach, ungebildet aber rechtschaffen und
darauf sind sie stolz. Das ganze Dorf ist eine große Familie.
Jeden kennt jeden und alle sind verwandt. Die Verhältnisse sind
dementsprechend unkompliziert. Es gibt keine Herren oder Diener,
das ist etwas was die Stadtleute brauchen. Alle sprechen einander
mit Vornamen an. So etwas wie Nachnahme gibt es nicht. Und wenn
jemand von ausserhalb danach fragt, so sagen die Leute: "Wir
sind aus Muromez". Die Fremden nicken dann verständnisvoll
und schreiben sich irgendwas auf. Danach wundern sich die Leute,
wenn jemand anderer von ausserhalb sie nach Ilja Muromez fragen.
Sie erklären dann geduldig diesen aufdringlichen Typen, dass Ilja
einfach Ilja, der Älteste ist, aber nicht Muromez oder sonst noch
was, Muromez ist nämlich der Name von dem Ort wo sie leben. Und
wieder nicken die Fremden mit dem Kopf und fragen ob sie jetzt
Ilja den Ältesten sehen könnten. Sicher, sagen dann die Leute,
den könnt Ihr sehen, und bringen diese komische Stadtleute zu
ihm.
Ilja ist der weiseste Mann im Dorf.
Ilja weiß was das beste für alle ist und er kümmert sich um die
Verwandten. Und stark ist er auch. Niemand will sich mit ihm
streiten, da Ilja, wenn er dazu noch was getrunken hatte, ziemlich
schnell sauer werden kann und dann ist er nicht aufzuhalten. Ist
nicht so, daß jemand aus dem Dorf sich davor fürchten würde,
verprügelt zu werden, aber es gehört sich einfach nicht mit dem
Ältesten zu streiten. Das ist nicht gut.
Nur Wowik, dieser Raufbold, tut es
immer wieder. Wowik war nämlich als er noch ein Kind war, mal
beim Spielen ins Faß mit Bier gefallen. Als man ihn fand, lag er
auf dem Boden neben dem Faß und schlief. Seine Kleider waren vom
Bier durchtränkt und so wie es aussah, hat er auch einiges davon
zu sich genommen. Damals war er sechs. Seit diesem Tag liebte
Wowik über alles dunkles Bier. Wenn er eine Menge davon trank,
wurde er immer lauter und hat alle angebrüllt. Als Kind hat man
ihn bestraft, aber als er erwachsen wurde, war er nicht mehr zu
bremsen. Ilja mußte Wowik ab und zu zur Vernunft bringen.
Manchmal mit Gewalt. Wowik hat sich immer am nächsten Tag
entschuldigt und beim Taal geschworen er würde nie wieder
trinken, aber schon am Abend denselben Tages war er nicht mehr
ansprechbar. Nachdem es sich paar Mal so wiederholte, hatte Ilja
zu ihm gesagt, Wowik soll gefälligst keine Schwüre mehr ablegen,
da er eines Tages Zorn von Taal auf das Dorf beschwören würde.
Es passiert immer so, wenn einer seine Schwüre nicht hält. Und
so schwor Wowik nie wieder, aber trank weiter. Manches lässt sich
einfach nicht ändern.
Aber sein Bruder Nikita ist ganz
anders. Nikita ist ein vernünftiger Mann. Er ist Blutsbruder vom
Ältesten. Die Leute sagen, eines Tages, wenn Ilja zu alt wird
oder von einem Bären im Wald zum Taal geschickt wird, würde
Nikita der Älteste werden. Und es ist auch gut so. Nikita hat
sich auch immer um die Familie gesorgt. Als Nastja, Tochter von
Igor, dem einäugigen Jäger von einem Tiermensch überfallen
wurde, hat Nikita sie gerettet. Er hatte nicht einmal ein Messer
dabei aber als er Schreie aus dem Wald hörte, da rannte er hin
und griff die Bestie an und erwürgte sie mit bloßen Händen,
obwohl das Biest um einen Kopf größer war als Nikita selbst. Und
dem Mädchen ist Taal sei dank nichts geschehen, sie hat nur ein
paar Kratzer abbekommen. Als Igor in zwei Wochen von der Jagd kam
und davon erfuhr, so war er sehr dankbar und hat Nikita seine
ganze Beute geschenkt. Die Leute haben gewußt, daß Igor für ein
richtiges Jagdgewehr gespart hatte und vom Erlös hätte er
endlich genug Geld um sich eins zu kaufen. Nikita hat es Igor auch
gesagt. Aber Igor wollte nichts hören. Er drehte sich ohne ein
Wort um und ging in seine Hütte, wo Nastja schon auf ihn wartete.
Igor liebte seine Tochter.
Eigentlich ist es im Dorf nicht üblich dass ein Jäger Kinder
hat, er würde sich um sie gar nicht kümmern können. Und Igor
wollte auch kein Jäger sein. Vor sechs Sommern hat er nämlich
Annuschka aus dem Nachbarndorf, hinter dem Kahlberg geheiratet.
Sie waren ein gutes Paar. Igor hat so gut wie nie getrunken und
die Frauen mögen die Männer, die nicht trinken. Niemand weiß
warum, aber es ist so. Die Ehe war auch für die Familie gut,
jemand von ausserhalb bringt immer frisches Blut mit und so kann
die Familie stärker werden. Nur eines Tages hat irgendwas im Wald
Annuschka gebissen und sie wurde krank. Sie war wie eine Kerze
ausgegangen. Gerade noch brannte sie und plötzlich war sie
erlöscht. Sie starb nach drei Tagen und Igor war untröstlich.
Und dann ging er zu Ilja und sagte, er will jetzt jagen gehen.
Ilja war nicht glücklich darüber, aber er hat es ihm erlaubt.
Ilja weiß immer was das richtige gerade ist. So hat er es auch
damals gewusst. Und auf Nastja hat die Familie aufgepasst.
Igor wartete noch bis Prokofij von
der Jagd kam und sie gingen zusammen weg. Prokofij ist auch ein
Jäger. Er ist der älteste Jäger in der Familie. Die Leute
wundern sich manchmal wie er es schaffte überhaupt solange am
Leben zu bleiben und von keinem Tier oder Tiermensch auf einer
seinen Jagden erschlagen oder gefressen zu werden. Ilja sagt dann
immer, Prokofij ist einfach verdammt schlau und hat eine Menge
Glück. So ist es wohl, sagen die Leute und denken nicht mehr
dran. Wozu auch, die Welt um sie ist gegeben und ihr Leben
befindet sich in Händen von Taal und man kann darüber nachdenken
oder es sein lassen, letztendlich wird es trotzdem so kommen, wie
es kommen wird.
Gleb, das ist der andere Jäger,
beneidet immer Prokofij. Gleb ist jung und geht noch nicht so
lange auf die Jagd. Aber wie Ilja einmal sagte, da war er schon
ganz gut drauf und hatte ziemlich viel Bier getrunken, wird es
Gleb nicht weit bringen. Er ist zu unvorsichtig und zu ungeduldig.
Eines Tages, meinte Ilja wird es ihn sein Leben kosten. So wird er
irgendwo im Schattenwald liegen und langsam verrotten. Und die
Familie wird nicht einmal wissen, was mit ihm passierte. Wie
damals, als Mikola, der Bruder von Stepan und Danila. Niemand
weiß wo er ist. Er ist mal weggegangen um die Hirsche zu jagen
und seitdem hat ihn niemand mehr gesehen. Wer weiß, was ihm
widerfahren war, ein Oger, Goblinshinterhalt oder ist er irgendwo
vom Fels gestürzt und hatte sich alle Knochen gebrochen. Es ist
nicht gut, so zu sterben, aber so sterben die meisten Jäger.
Stepan und Danila haben das auch
gesagt. Es war ihnen schade dass ihr Bruder so verschwand aber so
war die Wille von Taal. Und mehr musste man dazu nicht sagen.
Stepan und Danila gehen nicht weg. Sie haben Familien und Kinder
und sie wollen bei der Familie bleiben. Außerdem sind sie Neffen
von Ilja und er würde sie sowieso nicht gehen lassen. Jemand muss
ja auch da sein, für den Fall, dass die Familie angegriffen wird
und jemand muss auch sich darum kümmern, dass die Frauen und
Kinder was zum Essen haben.
Muromez ist ein glückliches Dorf.
Die Leute aus Muromez haben einen guten Ältesten und ihre Frauen
sind gesund und gebären gesunde Kinder. Es gibt viele Kinder im
Dorf. Manchmal sagen die Leute, viel zu viele und das sie ziemlich
viel Essen brauchen und es gibt ja nicht viel, aber Ilja sagt,
solche Leute sollen ihr Mundwerk halten und dass Kinder gut für
das Dorf sind. Wenn er und andere Männer und Frauen alt werden,
so werden diese Kinder bereits erwachsen sein und sich um die
älteren Leute kümmern. So war es immer in der Familie und so
soll es bleiben.
Eines Tages kam ein Fremder ins
Dorf. Ein Kislevit. Er war unterwegs nach Praag. Kisleviten sind
gute Menschen, daß wissen die Bewohner von Muromez. Vor drei
Wintern kam einer von ihnen vorbei. Er war sehr unglücklich und
sagte nie was, aber er war eine Weile im Dorf geblieben und hatte
mit den anderen Männern gearbeitet. So hat er sein Brot nicht
einfach so gegessen, sondern verdient. Solch einer ist immer
willkommen. Die Leute waren natürlich neugierig und wollten
wissen, wo dieser Kislevit herkommt und wo er hingeht und wieso er
nichts außer einem Schwert und Rüstung dabei hat, nicht einmal
einen Umhang. Aber der Kislevit wollte nichts erzählen, er wurde
nur sehr grimmig dabei und die Leute haben ihn nicht mehr danach
gefragt. Nur Ilja wußte mehr über ihn. Am ersten Tag, als er ins
Dorf kam, saßen die beiden in Ilja Haus und haben ganze Nacht
geredet. Irgendwann fragte jemand von den Leuten Ilja, was der
Fremder wohl ihm damals alles erzählte. Ilja antwortete kurz, es
ginge niemanden was an und das wenn jemand alles verloren hatte,
sollte er doch Recht haben zumindest das Wissen darüber für sich
zu behalten. Und etwas trauriges war plötzlich in Ilja Gesicht zu
sehen. So haben Ilja die Leute noch nicht gesehen und deshalb
haben sie aufgehört zu fragen.
Und jetzt kam noch ein Kislevit ins
Dorf. Er war gut bewaffnet und war anscheinend reich. Für
Ostländer sind alle reich die ihre eigene Rüstung und Waffen
tragen. Er hatte viele Narben auf dem Gesicht und zwei Finger
haben ihm auf seiner linken Hand gefehlt. Er war wirklich ein
ungewöhnliches Bild für Leute. Und wieder saß Ilja in seinem
Haus mit dem Fremden und sie redeten und tranken, aber sie waren
nicht laut. Und als die Frau von Ilja, die Maria, darein wollte,
um das Geschirr abzuräumen, so sagte ihr Ilja, sie soll
gefälligst verschwinden und ihre Nase nicht in Angelegenheiten
der Männer stecken. Am nächsten Morgen war der Fremde weg. Alle
haben sich gewundert das er so schnell wegging. Und dann kam Ilja
aus dem Haus und sagte er geht mit Nikita in die Stadt. Und noch
sagte Ilja, daß die Jäger, wenn sie zurückkommen, auf ihn
warten sollen und nicht wieder jagen gehen. Nikita wunderte sich
aber sagte nichts und ging seine Sachen für die Reise packen.
Alle anderen wunderten sich aber sie wußten, Ilja wird erst dann
was erzählen, wenn er es für richtig hält. So gingen alle
arbeiten.
Ilja und Nikita waren lange weg.
Mehr als zehn Tage. Als sie zurückkamen hat es geregnet. Die
beiden waren naß aber aufgeregt und fröhlich. Sie hatten sogar
ein Pferd dabei und dieses Pferd war beladen. Ilja packte alles
aus und die Leute sahen viele Waffen und Rüstungen. Das war jetzt
wirklich ungewöhnlich aber die Leute haben gelernt geduldig zu
sein. Heute abend, sagte Ilja, werden wir ein Fest machen und dann
werden wir reden. Gut, sagten Leute und gingen arbeiten.
Am Abend des Tages versammelten sich
alle Leute im Ilja Haus. Das war ein schönes Fest, es gab viel zu
essen und zu trinken. Die Stimmung war fröhlich. Niemand wußte
was auf sie zukommt aber irgendwie waren sich alle zuversichtlich.
Irgendwann, als es langsam dunkel und die Stimmung immer heiterer
wurde und Stepan mit Danila sich bereits zwei Mal geprügelt
hatten, sprach Ilja. Sofort wurde es still.
Und Ilja erzählte den Leuten von
Mortheim, der Stadt der Verdammten. Von Zorn Sigmars, der die
Stadt zerstörte. Von den Ruinen und den Bestien, die darin
hausen. Von den Gefahren, die dort lauern. Und von dem
Morsstein... Davon wie reich man dort werden kann, wenn man etwas
Glück und Verstand besitzt. Das war wie ein Märchen. Alle
hörten zu und sogar Wowik wurde leise und stellte sein Bier weg.
Und dann sagte Ilja, in drei Tagen werde ich und einige Männer
nach Mortheim gehen und unser Glück versuchen. Niemand
widersprach, der Älteste hat gesprochen. Ilja schaute schweigsam
die Leute an. Er konnte Angst in Augen der Frauen sehen und Freude
in Augen der Männer. Ein Ostländer ist immer darüber froh, wenn
es einen guten Kampf geben soll. Und wenn man dabei noch reich
werden kann...
Keiner von ihnen wußte, wie es
kommen wird. Niemand konnte es auch wissen. Niemand konnte wissen,
dass sie es tatsächlich bis nach Mortheim schaffen. Das sie
unterwegs einen verletzten Oger namens Bol’shoj treffen und ihm
helfen und er dafür mit ihnen nach Mortheim geht und dort einer
Menge Reikländer die Rippen bricht. Und dass ein Taalpriester sie
in Mortheim aufsucht und erzählt er sei von Taal geschickt worden
um ihnen zu helfen. Es wird ihm zuerst keiner glauben aber als er
mit einem Taalgebet ein dreistöckiges Haus abstürzen läßt und
darunter einige Orks begräbt, da wird keiner mehr daran zweifeln,
dass Rürik tatsächlich ein Gottesdiener ist.
Niemand vermutet, daß Ilja im Kampf
gegen die Ghoule sein linkes Bein verliert. Das Gleb, so
ungeduldig wie er ist, viel zu schnell eine Donnerbüchse abfeuern
wird und die daraufhin explodiert und Gleb seine Ungeduld mit
seinem viel zu kurzem Leben zahlen wird. Das sie tatsächlich
Morsstein finden werden und es verkaufen und so viel Geld dafür
bekommen, dass jeder sich wie ein
Stadtmensch kleiden kann und
Igor ein Doppellaufgewehr kaufen wird und Prokofij eine
Doppellaufpistole. Dinge die es in einem Ostland-Leben gar nicht
gibt. Und das Wowik sich eines Tages betrinkt und allein kopflos
in die Ruinen geht und dann den Mutanten über den Weg läuft. Und
das seine Überreste von den Marienburgern gefunden werden, die
ihn eigentlich suchen werden, da er ihren Anführer verprügeln
wird. Niemand wußte daß Nikita ein sehr guter Schwertkämpfer
sein wird und eines Tages mit seinem mächtigen Zweihandschwert
einen echten Besessenen erschlägt. Und Igor mit dem neuen Gewehr
vom Dach eines verfallenen Gebäudes einem Vampir die silberne
Kugel genau ins Herz jagt... Und viele andere Geschichten. Von all
dem haben die Leute aus dem Dorf Muromez nichts geahnt. Diese
Geschichten mußten noch geschrieben werden. Und es war an dem Tag
nicht wichtig, wichtig war , daß die Familie zusammen war und
sich freute und dass sie einen guten Ältesten hatten, der an alle
dachte und dass es Mortheim gibt mit seinen unermeßlichen
Schätzen und dass sie hingehen und sich diese Schätze holen
werden.
In drei Tagen beim Sonnenaufgang standen acht Männer auf dem
Kahlberg und warfen den letzten Blick auf ihre Siedlung. Von oben
sah das Dorf richtig klein aus und die Welt außerhalb riesig und
bedrohlich. Aber für einen Ostländer ist es noch kein Grund
Zuhause zu bleiben und so gehen die Männer dem Unbekannten
entgegen. Durch den Schattenwald und über die Middenberge zu
ihrem Ziel, der Stadt der Verdammten... |